Was bedeutet Wohlstand? Was macht glücklich? Seit vielen Jahren sind Forscher in aller Welt auf der Suche nach einer Alternative zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Sie wähnten sich auf gutem Wege. Droht nun der Rückschlag?
Was bedeutet Wohlstand? Was macht glücklich? Seit vielen Jahren sind Forscher in aller Welt auf der Suche nach einer Alternative zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Sie wähnten sich auf gutem Wege. Droht nun der Rückschlag?
Der König von Bhutan ist Buddhist. Bruttoinlandsprodukt? Interessiert ihn nicht. Seit vielen Jahren lässt das kleine Königreich im Himalaya das Bruttonationalglück errechnen. Gerechtigkeit, Umweltschutz, Harmonie und Spiritualität - in zahlreichen Kategorien versucht der Herrscher, das Glück seiner Untertanen zu vermessen. Für Daniela Kolbe ist das ein fragwürdiges Unterfangen: „Wer will schon festlegen, was Menschen glücklich macht?“
Daniela Kolbe weiß, wovon sie spricht. Die SPD-Politikerin ist Vorsitzende der Enquetekommission des Bundestages, die seit anderthalb Jahren versucht, einen alternativen Wohlstandsindikator für Deutschland zu erarbeiten. Ziel ist es, zu ermessen, was das Leben wirklich lebenswert macht: Eine sichere Existenz? Saubere Luft? Gute Schulen?
Auf der Suche nach Alternativen zum BIP
Seit Jahren suchen Experten in aller Welt nach einer Alternative zum Bruttoinlandsprodukt, dieser harten Zahl, die allein das ökonomisches Wachstum erfasst, aber nichts über Lebensqualität aussagt. Die Ansätze sind vielfältig, die Schwerpunkte verschieden, nächste Woche will der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski mit dem „Nationalen Wohlstandsindex“ ein weiteres Modell vorstellen, das die Hoffnungen, Ängste und Sorgen der Menschen beleuchtet.
Eines jedoch ist allen Ansätzen gemein: Sie wollen den Blick weiten. Nun aber steht zu befürchten, dass ausgerechnet die Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa das Pendel zurückschlagen lässt. „In der Eurokrise reden alle nur noch von Wachstum“, sagt Kolbe. Faktoren wie Verteilungsgerechtigkeit oder ökologische Nachhaltigkeit spielten kaum eine Rolle, wenn es es darum gehe, die Krise zu erfassen.
Eurokrise verengt Blick auf Schulden und Finanzen
„Das gesamte Leben in Europa dreht sich nur noch um Schulden und Finanzierungsaspekte“, kritisiert auch der Berliner Politologe Roland Zieschank. „Das ist eine sehr große Verengung.“ Dabei berge gerade die Krise die Chance, auf qualitatives Wachstum zu setzen. Zum Beispiel seien derzeit nur 30 Prozent der erzeugten Energie nutzbar, der Rest gehe verloren. Gerade Krisenländer könnten da umsteuern und Einsparungen mit einem Wachstum verknüpfen, das zugleich die Umwelt entlaste.
Zieschank hat gemeinsam mit dem Wirtschaftswissenschaftler Hans Diefenbacher den „Nationalen Wohlfahrtsindex“ (NWI) erarbeitet. Im Auftrag des Umweltbundesamtes haben beide 21 Kriterien aufgestellt, die auch soziale und ökologische Aspekte umfassen, vom Wert der Hausarbeit über die Kosten von Kriminalität und Drogenmissbrauch bis hin zu Umweltschäden. Auffallend: Anders als das BIP zeigte der NWI in den vergangenen Jahren keineswegs immer nach oben.
„Das BIP ist ein guter Index, um die Wirtschaftsleistung eines Landes zu vermessen“, sagt Kolbe. Für die Definition von Lebensqualität taugt es nicht. Ein Beispiel? „Ich stehe morgens im Stau, mein Motor läuft. Ich bin gestresst und genervt, belaste die Umwelt, doch das Bruttoinlandsprodukt steigt, weil ich ja Benzin verbrenne und dann wieder neues kaufe.“
Das größte Problem für jede Wohlstandsmessung ist, dass Zufriedenheit höchst individuell ist und jeder Lebensqualität anders definiert. Die Enquetekommission des Bundestages hat sich laut Kolbe darauf verständigt, eine möglichst einfache Formel festzulegen, die politisch auch Durchschlagskraft hat. Zu den Kriterien sollen materieller Wohlstand, Zusammenhalt, Bildung und Gesundheit sowie ökologische Nachhaltigkeit zählen. Ein Ergebnis soll Anfang nächsten Jahres vorliegen.
Sonntag, 05. Mai 2024