Weg mit den Rollenbildern!

Veröffentlicht am 26.04.2012 in Bundespolitik

Rollenbilder verdrehen uns den Kopf, schreibt die Autorin Barbara Streidl in ihrem Gastbeitrag für spd.de. Zeit, sich von ihnen zu verabschieden und Frauen und Männern viele Lebensmodelle zu ermöglichen. Doch das Betreuungsgeld festigt den deutschen Mutter-Mythos.

Es war einmal ein großes Haus mit einer Rosenhecke darum. In dem Haus lebte eine Familie. Den ganzen Tag war Mama in der Küche. In der Stube lag das Baby. Zufrieden strahlte es mit Augen so blau wie der Himmel aus schneeweißen Laken. Mama fegte die Stube mit einem Reisigbesen, Mama kochte einen gesunden Brei, und Mama sang das Baby abends in den Schlaf. Viel später und auch nicht jeden Tag kam dann Papa heim, um, ja, warum eigentlich? Um mal wieder auf der Couch zu sitzen und in Ruhe die Sportschau anzusehen!

Dem konservativen Flügel unserer konservativ-liberalen Bundesregierung gefallen solche Märchen. Mehr noch, sie wollen sie Jahr-2013-kompatibel machen. Und zwar mit dem Betreuungsgeld, einem Geschenk für diejenigen Eltern in Deutschland, die ihre Kinder nicht fremdbetreuen lassen wollen. Sondern lieber bis zum Kindergarteneintrittsalter zu Hause behalten.

Neue Mutter-Mythen

Nicht nur im Märchen, auch im echten Leben herrscht in Deutschland seit Jahrhunderten der Mutter-Mythos. Die Mutter ist die liebende, fürsorgliche, als einzige das Kind wirklich verstehende Haupt-Bezugsperson, die durch nichts ersetzt werden kann und soll – wie die Hochschulprofessorin Barbara Vinken in „Die deutsche Mutter: Der lange Schatten eines Mythos“ umfassend beschreibt. Die deutsche Mutter, das ist ein Rollenbild, oder, um es mit Kristina Schröder zu sagen, ein bevormundendes „Rollenleitbild“. Der Vater? Ist irgendwo verschwunden, nach der Zeugung, hinter der Zeitung oder im Büro. Er darf mittun, wenn das Kind mal tüchtig ausgeschimpft gehört oder wenn das Abiturzeugnis verliehen wird. Sonst nicht.

Ach, anstrengend ist das mit den Rollenbildern: Die wenigsten genügen ihnen, aber die meisten lassen sich von ihnen die Köpfe verdrehen. Doch tatsächlich hat sich unsere Welt in den letzten Jahrhunderten dann doch verändert: Deutsche Frauen wollen nicht mehr nur deutsche Mütter sein. Und die Männer hier möchten auch Väter sein. Also haben wir die Rabenmutter und das Weichei, freundlicher den Softie, etabliert. Und die Zeit mit den Kindern in Geldwerte übersetzt. Dabei hat sich auch der Mythos Latte-Macchiato-Mutter gebildet, die so was wie die dumme faule Schwester der deutschen Mutter ist.

Beim Elterngeld geht es um Rabenmütter und Weicheier, die nicht arbeiten gehen können bzw. wollen. Ein Anteil ihres ursprünglichen Gehalts wird ihnen in der kurzen Zeit, die sie nicht dem Büro, sondern dem Kind zuarbeiten, ausgezahlt. Beim Betreuungsgeld geht es dann wieder um die deutsche Mutter. Vorbei an all den Erkenntnissen, die dieses Entgelt per se als unsinnige Idee entlarven, – angefangen von der kindlichen Frühförderung in Kitas, dem Gewinn an Sozialkompetenzen und Sprachfähigkeiten, die Kleinkinder in einem entsprechenden Umfeld erlangen, und der erwiesenen Schwierigkeit von Frauen, nach einer längeren Babypause wieder in den Beruf zurückzukehren, – zahlt dieses angebliche Geschenk der Bundesregierung auf einen längst überkommenen Mythos ein.

Das Betreuungsgeld ist ein Trojanisches Pferd

Die Lösung liegt auf der Hand: Weg mit den Rollenbildern! Es lebe die Freiheit! Es gibt nicht nur Rabenmütter, sondern auch Rabenväter! Weicheier und Hartkäse! Softies und Tempotaschentücher. Und bitte: Eine Krähe hackt der anderen doch kein Auge aus! Also, Frau Schröder, Sie als bekennende Role-Model-Feindin: Weg mit dem Betreuungsgeld. Es ist ein Trojanisches Pferd! Investieren Sie die knapp 2 Milliarden Euro jährlich doch lieber in etwas Visionäres. Oh, und wenn Sie schon dabei sind: Kloppen Sie doch auch das Ehegattensplitting in die Tonne. Und diese komische Flexi-Quote gleich hinterher. Denn Steuerersparnis-Hilfe oder Good will-Quotenfrau, wer will das schon sein? Eben!
Barbara Streidl