Die SPD muss für junge Frauen wieder attraktiver werden, denn sie sind unverzichtbar für gute politische Arbeit. Nancy Haupt und Julia Maas schreiben in einem Gastbeitrag für spd.de, was sich im Zuge der Parteireform ändern sollte, um wieder mehr Frauen für ein Engagement in der SPD zu gewinnen.
Junge Frauen können heute aus vielen verschiedenen Lebensmodellen wählen. Sie stehen damit aber auch vor neuen Herausforderungen: Durch die längere Dauer von Ausbildung und Studium ergibt sich ein späterer Einstieg ins Erwerbsleben. Zu diesem Zeitpunkt gründen viele außerdem einen eigenen Haushalt oder eine Familie. In dieser Lebensphase können mehrere Dinge verunsichernd wirken: befristete berufliche Anstellungen, unzureichende ökonomische Sicherheit oder Schwierigkeiten bei der Partnersuche.
Trotzdem sind junge Frauen am politischen Geschehen interessiert und engagieren sich. Vor allem dann, wenn etwas ihr unmittelbares Lebensumfeld betrifft, wie zum Beispiel weibliche Stereotype, die sie überwinden wollen. Junge Frauen integrieren heute selbstverständlich berufliche Verwirklichung und privates Glück in ihre Lebensentwürfe. Daraus entstehen neue und moderne Frauenbilder, die in der Gesellschaft etabliert und anerkannt werden sollten. Doch die Konsequenzen, die sich aus diesen Lebensentwürfen ergeben, tragen junge Frauen noch weitgehend alleine. Wer vertritt die Anliegen dieser Frauen?
In der politischen Landschaft sind Politikerinnen, die verschiedene Rollenbilder repräsentieren bisher kaum vertreten. Die weitestgehende Abwesenheit von Politikerinnen mit Kindern scheint zu bestätigen, dass Karriere plus Familie plus politisches Engagement nicht funktionieren kann. Doch stimmt das? Ist das politische Geschäft unvereinbar mit den Lebenssituationen junger Frauen?
Andere politische Themensetzung
Frauen haben ein anderes Verhältnis zu Politik. Ihnen wird eine gewisse Distanz zur institutionalisierten Politik und eine andere Themensetzung nachgesagt. Das könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass sich Frauen inhaltlich wenig mit der Politik der Parteien identifizieren. Weibliche Vorbilder in der Politik ziehen junge Frauen an und zeigen, dass es möglich ist, mitzumischen. Die Abwesenheit von Frauen wirkt sich deshalb doppelt negativ auf die Präsenz junger Frauen in Parlamenten aus.
Jungen Frauen leiden nicht unter politischem Desinteresse oder Politikverdrossenheit, sondern unter Parteienverdrossenheit. Das sind keine neuen Erkenntnisse, sondern Fakten, die schon seit längerem bekannt sind. Deshalb sollte man danach fragen, wann Partei-Kultur für junge Frauen attraktiv ist und wie man parteipolitische Mitwirkung junger Frauen besser anregen kann.
Eine Antwort auf diese Frage könnte – bezogen auf die SPD – die lange Tradition der Volkspartei sein. Die Worte „Partei-Kultur“ oder „Partei-Leben“ geben den entscheidenden Hinweis. Sozialdemokratin zu sein, bedeutet für viele nicht nur politische Anliegen gemeinsam mit Gleichgesinnten zu vertreten, sondern auch Teil einer Gemeinschaft zu sein, mit der man wichtige Ansichten und Einstellungen teilt. Das Zusammensein mit den anderen Parteimitgliedern hat einen politischen Zweck und ist Freizeitinhalt zugleich. Diese Art des Parteilebens ist wichtig. Es erhält die SPD und führt zu einer starken Verankerung im sozialen Umfeld des Ortsvereins. Dennoch scheint diese Art der politischen Arbeit kaum bei der Zielgruppe der jungen Frauen anzukommen. Gründe dafür sind Zeitmangel, häufige Wohnortwechsel, die damit einhergehende sinkende Verbundenheit zum Ort und schlicht die Frage nach dem Nutzen von parteipolitischem Engagement.
Abschreckender Parteihabitus
Eine von Männern geprägte Debatten- und Anwesenheitskultur stellt Hürden für das Engagement von Frauen dar. Um politisch erfolgreich zu sein, müssen sich engagierte junge Frauen bislang an männlich geprägten Handlungs- und Kommunikationsmustern orientieren. Für junge Frauen bedeutet politisches Engagement einen Beitrag zu leisten, der nicht nach Quantität und ständiger Präsenz beurteilt wird, sondern nach Inhalt und Qualität. Dazu braucht es jedoch eine moderne und kreative Arbeitskultur, in der politische Partizipation im Einklang mit Beruf und Privatem steht. Wichtig ist das Arbeitsergebnis, nicht die Ausdauer.
Auch der Parteihabitus hat auf viele junge Frauen eine eher abschreckende Wirkung. Innerhalb von Partei und Politik herrscht ein anderer Umgang mit Selbstdarstellung, Ehrgeiz oder Konflikt- beziehungsweise Konkurrenzverhalten. Auch hier orientieren sich Umgangsformen eher an Männern. Sollten sich Frauen hier einfach anpassen?
Politik zu gestalten heißt, Verantwortung zu übernehmen. Von Frauen werden die nötige Courage und das entsprechende Selbstvertrauen erwartet, doch dazu muss sich die SPD erst öffnen. Um die SPD zu einem Ort von und für junge Frauen zu machen, müssen neue und offene Strukturen in der SPD verankert werden und nach außen sichtbar sein. Junge Frauen müssen die Möglichkeit erhalten ihre eigenen Themen einzubringen. Sie sollten zudem an den verschiedensten Orten und auf allen Ebenen der Partei wirken, damit ihre Kompetenzen und Anliegen voll zur Geltung kommen – ohne dafür vorher jahrelang die sogenannte „Ochsentour“ mitmachen zu müssen. Denn diese ist unattraktiv, unzeitgemäß und ineffektiv.
Wir brauchen moderne und aufgeschlossene Angebote. Angebote, die alte verkrustete Strukturen und Traditionen aufbrechen, um Neues zuzulassen.
Projekte für junge Frauen
Ein Beispiel hierfür ist das Barcamp Frauen, das in diesem Jahr zum zweiten Mal unter dem Motto „Was wollt ihr eigentlich?“ stattfinden wird. Ziel des offenen Veranstaltungstyps „Barcamp“ ist es, junge Menschen mit Politik, Gewerkschaften und Medien ins Gespräch zu bringen. Das Barcamp Frauen versteht sich als Ideen- und Debattenplattform, auf der neue Diskussionen angestoßen und laufende Diskurse zusammengeführt werden. Neue politische Ansätze werden entwickelt und sollen in die Arbeit und Programme der Partei einfließen. Auf den Barcamps werden außerdem neue Netzwerke geknüpft. Frauen und Männer aus unterschiedlichen Lebenssituationen und verschiedenen Lebensphasen kommen mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Die Diskussion miteinander steht im Mittelpunkt. Es gibt keine großen Podien, sondern unterschiedliche Workshops, die eine kreative Atmosphäre bieten. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind an der Gestaltung des Programms beteiligt. Neue moderne Kooperationen mit Medienpartnern wie der Mädchenmannschaft, dem Missy Magazine, Gazelle und dem Freitag sind gewinnbringend und sprechen die richtigen und vor allem neue Zielgruppen an.
Neue Angebote vor Ort, die sich speziell an junge Frauen wenden, spielen eine immer größere Rolle und sollten nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung gesehen werden. So gibt es deutschlandweit Netzwerktreffen von jungen Frauen, wie zum Beispiel der Rote Salon in Berlin und Bonn, das Frauennetzwerk Pollys in Köln oder das junge Frauennetzwerk Mannheim. Diese sind ein klarer Beweis dafür, dass sich junge Frauen politisch interessieren und engagieren wollen.
Möglichkeiten sich einzubringen, müssen für junge Frauen vor allem attraktiv und erreichbar sein. Dabei spielt der persönliche Kontakt vor Ort, aber auch das Internet mit seiner zeitlichen und örtlichen Ungebundenheit eine zentrale Rolle.
Weiblicher Teil der Gesellschaft im Fokus
Diesen Trend gilt es auch auf Bundesebene aufzufangen. Die SPD braucht eine Anlaufstelle für junge Frauen, die es jederzeit erlaubt, sich in politische Diskussionen einzubringen oder einfach nach Kontakten und Gleichgesinnten vor Ort zu suchen. Die Internetplattform spd.fem.net soll Ausgangsort und Herzstück sein, durch das junge Frauen bei ihrer Suche nach Gleichgesinnten unterstützt werden, in dem belastbare Netzwerke gesponnen werden, in dem Themen identifiziert, diskutiert und breit in die Partei getragen werden, wo Projekte und Kampagnen ihren Anfang finden.
Spd.fem.net soll junge Frauen in der Partei halten und sie zu einem entscheidenden Machtfaktor machen.
Die SPD ist keine geschlossene Gesellschaft. Sie hatte insbesondere den weiblichen Teil der Gesellschaft immer im Fokus. Um diesem Anspruch auch weiterhin gerecht zu werden, müssen sich junge Frauen in der SPD engagieren wollen. Die dafür nötige offene attraktive Partei-Kultur zu schaffen, muss Kriterium für die anstehende Parteireform sein.