„Jetzt können andere ans Werk“

Veröffentlicht am 02.09.2012 in Bundespolitik

Der Mann mit dem Bart tritt ab: Der SPD-Politiker und stellvertretende Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat angekündigt, bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr zu kandidieren. „Ich will rechtzeitig und freiwillig gehen“, sagt Thierse im SPD.de-Interview. Ein Gespräch übers Aufhören, Neuanfänge und die Leidenschaft für Politik.

Wolfgang Thierse war und ist ein Vollblutpolitiker mit einer bewegten Biographie: Die friedliche Revolution von 1989 geriet dem damals 43-Jährigen zum politischen Erweckungserlebnis – seither hat ihn die Politik nicht mehr losgelassen. Schon 1990 wurde er Vorsitzender der damaligen DDR-SPD. Bis 1998 war der Kulturwissenschaftler dann stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und danach zwei Wahlperioden Bundestagspräsident. Von 1990 bis 2005 war er auch stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender.

Seit 2005 ist Thierse stellvertretender Bundestagspräsident. Nun hat er seinen Abschied von der bundespolitischen Bühne angekündigt. Im Gespräch mit SPD.de spricht Thierse über seine Beweggründe, erinnert sich an Willy Brandt und gibt dem Nachwuchs Ratschläge für den Einstieg in die Politik.

SPD.de: Herr Thierse, Sie haben gestern angekündigt, bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr antreten zu wollen. Wie kamen Sie zu dem Entschluss?
Wolfgang Thierse: Ich werde nächstes Jahr im Herbst 70 Jahre alt und war dann 24 Jahre lang Abgeordneter. Anlass genug für mich zu fragen: Soll ich weitermachen oder nicht? Ich hab mich entschieden nicht weiterzumachen. Es können jetzt andere ans Werk gehen. Ich will rechtzeitig und freiwillig gehen, bevor andere nur noch über mich stöhnen.

SPD.de: Der Alte geht, Jüngere rücken nach: Mehr Wehmut oder Erleichterung, dass Sie das harte Politikgeschäft bald hinter sich lassen können?
Wolfgang Thierse: Es ist schon eine beträchtliche Wehmut dabei, denn ich bin mit Leidenschaft Parlamentarier. Ich weiß schon jetzt, dass mir etwas fehlen wird. Deswegen habe ich auch meine Entscheidung länger vor mir hergeschoben.

SPD.de: Träfe der alte Thierse auf den jungen: Was würde er sagen? Hat die Politik Sie verändert?
Wolfgang Thierse: Das können andere besser beurteilen als ich. Aber ich hatte einen Vorteil: Ich war schon ein ziemlich ausgewachsener Mensch und schon ich selbst, als ich in die Politik geraten bin. Ich konnte mich gar nicht mehr bis zur Unkenntlichkeit verändern. Ich hoffe, das hat man mir angemerkt.

SPD.de: Wenn Sie noch einmal von Vorne anfangen könnten: Würden sie etwas anders machen?
Wolfgang Thierse: Ich bin ja in dem Jahr der Wunder im Zusammenhang mit der friedlichen Revolution in die Politik gekommen – und dieses Ereignis, dieser Aufbruch, hat mich tief geprägt. Das Erlebnis einer Selbstbefreiung wirkt in mir immer noch nach. Diese Mischung aus Naivität, Enthusiasmus, Leidenschaft und Utopismus – was soll ich daran rückblickend ändern wollen? Ich halte nichts von Politikern, die zu 150 Prozent aus Pragmatismus bestehen, die keine Grundüberzeugungen, die keine starken Emotionen haben, die ihre Politik mitbestimmen.

SPD.de: Sie haben in Ihrer politischen Karriere viele gesellschaftliche Umbrüche durchlaufen und hohe wie höchste Ämter bekleidet. Gibt es eine Situation oder eine Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Wolfgang Thierse: Es gibt sicher viele, die mir wichtig waren. In bestimmter Hinsicht war der Höhepunkt meiner politischen Laufbahn schon der Anfang: als ich am 9. Juni 1990 vollkommen überraschend zum Vorsitzenden der SPD in der DDR gewählt worden bin. Ich bin dann nach der Wahl zum Präsidiumstisch geleitet worden und nahm Platz neben Willy Brandt. Der gratulierte mir ganz sparsam mit dem Satz: „Ein gutes Ergebnis, Wolfgang. Das hilft.“ Mehr nicht. Und da dachte ich: Das ist jetzt vielleicht schon der Höhepunkt meiner politischen Laufbahn. Ab sofort beginnt der Abstieg.

SPD.de: Sie haben sich stets für mehr Demokratie und gegen Rechtsextremismus eingesetzt. Aktuell ist Letzterer ja verstärkt in der Debatte, auch wegen des 20. Jahrestages von Rostock-Lichtenhagen. Was müsste im Kampf gegen Rechts stärker unternommen werden?
Wolfgang Thierse: Erstens und vor allem: Wir brauchen kontinuierliche Aufmerksamkeit für die Herausforderung – und Kontinuität in den Anstrengungen gegen Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, alltägliche Menschenfeindlichkeit. Ich finde es furchtbar, dass es nach jedem schlimmen Ereignis Aufregung gibt – und dann tritt wieder Ruhe ein und es passiert nicht sonderlich viel. Deswegen bin ich dafür, dass wir eine Stiftung einrichten, die aus öffentlichen Mitteln - aber auch Spenden - finanziert wird. Damit sollte die Zivilgesellschaft bei ihren Anstrengungen zur Verteidigung der Demokratie unterstützt werden. Denn sonst erleben wir, dass die eine Regierung Programme auflegt und die schwarz-gelbe sie wieder streicht...

SPD.de: Sie werden ja nun bald die bundespolitische Ebene verlassen...
Wolfgang Thierse: Na, es ist noch ein Jahr Zeit! Zu früh für Nachrufe!

SPD.de: Dann frage ich anders – mit Blick nach vorn: Was würden Sie jungen Menschen heute raten, die sich heute für einen Einstieg in die große Politik interessieren?
Wolfgang Thierse: Nicht an erster Stelle an Karriere denken, sondern Leidenschaft haben: für bestimmte Projekte, für die Lösung von Problemen, für die Verwirklichung von Idealen. Ich sage es noch einmal: Pragmatismus ist in der Politik notwendig. Aber wenn er nicht getragen wird von Grundüberzeugungen, von Leidenschaft, dann wird Politik technokratisch, kalt und auswechselbar.

SPD.de: Vielen Vollblut-Politikern fällt der Gedanke an ein Aufhören ja häufig schwer. Haben Sie schon Ideen für Ihre Zeit nach der Bundestagswahl?
Wolfgang Thierse: Nein. Ich habe mich jetzt mit dieser Entscheidung gequält und mich noch nicht damit befasst, was ich in mehr als einem Jahr tun werde. Kommt Zeit, kommt Rat.