Aus dem Schatten ins Scheinwerferlicht

Veröffentlicht am 06.10.2010 in Bundespolitik

Deutschland streitet um die Fünf-Euro-Erhöhung des Hartz-IV-Satzes und über einen angemessenen Regelsatz für Kinder. Diesen Kindern kann man jetzt im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg ins Gesicht schauen. Regisseur Volker Lösch trifft mit seiner Inszenierung „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“ ins Mark.

20 Jungen und Mädchen schreien in Scheinwerferlicht getaucht von der Bühnenrampe. Mit antikischer Wucht reden sie über ein Leben, das die meisten im Publikum nur aus Statistiken kennen. Sie sind zwischen 12 und 14 Jahre alt und leben in Mümmelmannsberg, einem Hamburger Stadtrandteil, einem Problemviertel, 70 Prozent Migrationshintergrund, auf der Bühne sind nur vier Kinder deutscher Herkunft.

Sie rufen, dass sie nach der Schule Fernsehen gucken – egal, was läuft

Schon die ersten Sätze katapultieren den Zuschauer in eine Lebenswelt, in der es an elterlicher und staatlicher Fürsorge, Bildung und Kulturangeboten mangelt. Sie rufen im Chor, dass sie nicht in den Urlaub fahren, dass sie viele Geschwister haben, dass sie nach der Schule Fernsehen gucken - egal was läuft, dass sie Angst vor den 15-Jährigen auf der Straße haben, dass sie zu Hause meistens alleine essen, dass Papa Mama nur haut, wenn sie besoffen ist.

Für „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“ hat sich Regisseur Lösch des Grimmschen Volkmärchen als Folie für die Verhandlung mit einem zentralen sozialen Problem bedient: der Armut, und zwar in ihrer bittersten Ausführung – der Kinderarmut. Interviewtexte mit Schülern, Eltern sowie Lehrern wurden in den alten Stoff gewoben, um eine solche Kindheit in ein zeitgemäßes Märchen zu fassen. Lösch arbeitete mit rund 40 Laien. Auch Eltern-Darsteller, die ihre finanzielle Bedrängnis gemeinsam herausdonnern, sind dabei.

„Ich mach euch platt“

Hänsel und Gretel wandern als ganze Schulklasse in den finsteren Wald und landen mitten in einem Persiflage-Feuerwerk deutscher TV-Formate. „Survival of the fittest“ poltern die überdrehten Figuren in Manier von Bohlen und Heidi Klum. „Werde ein Superstar!“ Ein Westerwelle-Double in Stöckelschuhen stelzt über die Bühne und will unbedingt „Shopping mit Heidi“ gewinnen.

Im nächsten Bild wispert die Hexe vor ihrem schrill beleuchteten Haus in alter Redensart nach Hölderlin: „Ein göttlich Wesen ist das Kind“. Die Bühne beginnt sich zu drehen. Eine erfolgreiche Bildungsbürgerfamilie nach der anderen stellt sich selbstgefällig vor, demonstriert ihre zufriedene Einigkeit mit einer monströsen Goldschleife vor der Brust. Im Hexenhaus werden die Kinder derweil mit Fritten-Pizza-Burger-Fraß überfüttert. „Ich mach euch platt“, ruft die Hexe.

Charity-Gala von „Wir wollen -äh- helfen“

Schließlich das bitter groteske Finale. Für eine Charity-Gala der angeblich hoch engagierten Stiftung „Wir wollen -äh- helfen“ spielen die drei Profi-Darsteller plötzlich sich selbst. „Die Schauspielerin Marion Breckwoldt ist gerade aus Pakistan zurück, wo sie eine Aktion für pakistanische Waisen aufgezeichnet hat“. Aus Solidarität sei sie heute Abend barfuß gekommen. „Nur eine kleine Geste, es ist nicht schwer“.

Ihre Wohltat soll an diesem Abend dem „kleinen Murat“ gelten, der sich doch so sehr Spanischstunden wünscht. Hochspannung, die Gesichter vom Dauergrinsen verzerrt, Gratulation (!): Der kleine Murat bekommt eine Woche Kastagnetten-Unterricht geschenkt – und ein Praktikum in der Zoohandlung. Ein Happy End unserer Zeit.

Gesellschaftliche Teilhabe wird nicht wahrgenommen

„Für Familien, die arm sind, wird in Hamburg deutlich sichtbar, was es bedeutet, wenn man nicht arm ist“, schreibt die Sozialwissenschaftlerin Ursel Becher in ihrer Studie zum Armutsrisiko von Kindern in Hamburg. Richtig, die Schere zwischen Arm und Reich, sie klafft in der ganzen Republik weiter auseinander. Doch in der Hansestadt ist das selbst nicht mit Demokratie aufzuhalten. Das Scheitern der Schulreform jedenfalls (die bei aller konzeptioneller Unfertigkeit für mehr Chancengleichheit stand) führt eher zur Festschreibung alter Zustände. Der Bürgerentscheid in diesem Sommer zeigt anhand der Wahlbeteiligung sehr deutlich, wie wenig die, die ihre gesellschaftliche Teilhabe einklagen müssten, ihre Rechte wahrnehmen. Und das wiederum bezeichnet den Zustand unserer Gesellschaft, unserer Demokratie.

„Hänsel und Gretel gehen Mümmelmannsberg“ hat denen eine Stimme auf der Bühne gegeben, die sich zu wenig oder gar nicht Gehör verschaffen. Das Stück umreißt die soziale Kluft, die Hamburg deutlicher prägt als andere Städte. Die beteiligten Kinder brennen vor Energie, ihre Augen funkeln, wenn sie unverstellt und mit voller Hingabe jeden ihrer Sätze rufen, die sowohl von Ungerechtigkeiten als auch Sehnsüchten, Ängsten und Hoffnungen erzählen. Diese außerordentliche Authentizität verschafft dem Abend eine Kraft, die keinen im Saal mehr über fünf Euro diskutieren lässt. Es wird nichts vorgeführt, damit die Zuschauer einen inspirierten Theaterabend mitnehmen, der beim Rotwein schon wieder vergessen ist. Es werden die elementaren Fragen unseres Zusammenlebens verhandelt und keiner kann sich ihnen entziehen.