Spannung beim Publikum der Frankfurter Buchmesse. Am Freitag diskutierte Peer Steinbrück mit Joseph Stiglitz auf der weltgrößten Buchmesse. Der eine will Bundeskanzler werden, der andere ist Wirtschaftsnobelpreisträger. Beide rechneten mit dem Turbokapitalismus ab – und plädieren für neue Wege.
Steinbrück und Stiglitz diskutierten über das neue Buch des berühmten Ökonomen. In „Der Preis der Ungleichheit“ rechnet Stiglitz mit dem Turbokapitalismus ab. Dieser habe den Menschen und seine Bedürfnisse aus dem Blick verloren.
Viele Arme, wenige Reiche
Die Schere zwischen Arm und Reich werde größer, so Stiglitz. Besonders drastisch lasse sich diese Entwicklung in den USA erkennen, sagt der Nobelpreisträger. Vom 'Land der unbegrenzten Möglichkeiten' seien die USA zu einem Ort sozialer Spaltung geworden. „Das Schlimme an dieser Entwicklung ist, dass andere Länder dieser Entwicklung folgen.“
Steinbrück: „Wir müssen die Gesellschaft zusammenhalten“
Auch in Deutschland wachse die soziale Spaltung, stellt Steinbrück fest. Gerade im Niedriglohnsektor seien die Zustände unhaltbar. Dann die Probleme im Bildungssystem. „Die Bildung in Deutschland ist unterfinanziert“, sagt der SPD-Kanzlerkandidat. Steinbrück kündigt an, seine Partei werde eine Perspektive bieten, wie den Fliehkräften in unserer Gesellschaft Einhalt geboten werden kann. „Wir müssen versuchen, diese Gesellschaft zusammmenzuhalten.“
Sie werde auseinandergerissen durch die Spaltung des Arbeitsmarktes, durch Bildungsbarrieren, durch eine katastrophale kommunale Finanzlage, durch entfesselte Finanzmärkte und nach wie vor eine Drift in der Einkommens- und Vermögensverteilung. Steinbrück: „Wir brauchen eine Perspektive, die jenseits von nur korrigierenden Maßnahmen sein muss.“
Selbstkritisch sieht er die Absenkung der Abgeltungssteuer für Kapitalerträge an, die während seiner Amtszeit als Bundesfinanzminister 2009 durchgeführt wurde. Das sei ein Fehler, den er in Regierungsverantwortung wieder korrigieren wolle.
Der SPD-Kanzlerkandidat plädiert für eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte und Banken, faire Löhne für gleiche Arbeit, bessere Bildungschancen und mehr Steuergerechtigkeit. Steinbrück prophezeit dem Publikum, dass das Einführen von Steuern auf Kapitalvermögen, Erbschaften und hohe Vermögen 2013 für viel Aufregung sorgen wird. Sie würden als "Teufelswerkzeug" verdammt werden. Aus bekannten Kreisen werde möglicherweise vor dem "Untergang des Abendlandes" gewarnt, so Steinbrück.
Stiglitz: „Wohlstand gerechter verteilen“
Unterstützung erhält der SPD-Kanzlerkandidat vom US-Ökonomen. Denn die wachsende Ungleichheit habe ihren Preis. Sie behindert Wirtschaft und Wachstum, führt zu weniger Chancengerechtigkeit und korrumpiert Justiz und Politik. Deshalb ruft der Nobelpreisträger dazu auf, die zunehmende Ungleichheit in unseren Gesellschaften nicht einfach hinzunehmen. Es gelte, die Wirtschaft und Politik so umzugestalten, dass der Wohlstand wieder gerechter verteilt wird.