„Ich musste meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle halten“

Veröffentlicht am 28.10.2010 in Bundespolitik

Andrea Nahles ist in den USA unterwegs, um sich vor Ort über den Kongresswahlkampf zu informieren. Per SMS-Interview begleitet spd.de die SPD-Generalsekretärin auf ihren Stationen. An ihrem letzten Tag findet sie die Republikaner schwer verdaulich und lernt: Weniger ist mehr!

Tag 4 (Donnerstag, der 21. Oktober 2010):

spd.de (11.17 Uhr MEZ): Wie war Dein Eindruck von der Wahlkampfveranstaltung? Und wie war der Empfang bei den Republikanern?

Andrea Nahles (12.16 Uhr MEZ): Nachmittags waren wir in einem Altenheim, um Bryan Lentz bei einem Wahlkampfauftritt zu beobachten. (Seine Familie ist übrigens 1840 aus Köln ausgewandert wie er uns erzählte) Das war so eine Veranstaltung, wie ich sie selber oft gemacht habe! Einige markante Unterschiede gibt’s dennoch. Der Kandiat redete genau 10 min (erstmal über seine Erfahrungen als Soldat) und kam dann direkt zu den Unterschieden gegenüber seinem Gegenspieler. Nicht polemisch, aber ganz klar - der will das, ich will das! Das Publikum bestand nur aus Demokraten! Es gab keine „give aways“ - nur einige, nicht sehr aufwendig gemachte, Flyer. Beeindruckt haben uns die Zuhörer. Sie stellten knappe kurze Fragen (keine Koreferate), die aber alle wichtigen auch umstrittenen Themen umfassten. Das Ganze war in einer guten halben Stunde vorüber - allerdings nicht ohne, dass am Ende eine ältere Frau alle aufforderte, Bekannte und Freunde anzurufen und sie zur Wahl von Lentz aufzurufen. Sie würden das auch zentral im Altenheim organisieren und Telefongeräte zur Verfügung stellen. Abends war dann der Empfang der Republikaner. Hier wurde schnell klar: Ebenfalls eine reine Mobilisierungs-Veranstaltung der eigenen Leute. 100 000 Dollar Spenden der teilnehmenden Gäste sind gestern Abend zusammengekommen für die republikanischen Kandidaten. Kurze Reden auch hier. Siegesschwüre, die ins Auditorium geworfen wurden. Harte Polemik gegenüber der Obama Administration. Wichtigste Themen: Lower tax, less goverment*! Also ehrlich gesagt: Dünn! Mal davon abgesehen, dass ich mich hier inhaltlich und kulturell wenig wohlgefühlt habe, war das mit Ausnahme der hohen Spenden eine sehr klassische Wahlkampfveranstaltung, die im Unterschied zu Deutschland mit weniger Inhalten und kürzeren Reden auskam. Immer wieder forderten die Republikaner (und es waren hier auch Tea-Party-Leute anwesend) die Rücknahme der Gesundheitsreform. Das ist schon schwer verdaulich. Ich musste des Öfteren meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle halten! Endlich gibt es eine Kindermitversicherung, endlich können Versicherungen den Kranken nicht während einer Behandlung kündigen! usw.. Die Republikaner reden nur Angst machend über Kosten.

* Übersetzung: Niedrigere Steuern, weniger Staat!

spd.de (17.10 Uhr MEZ): Würdest Du Dir auch kürzere Reden für deutsche Politikveranstaltungen wünschen? Ergab sich auch ein Gespräch mit Vertretern der Tea Party? Heute hast Du noch mal einige Termine zum Thema Internet-Wahlkampf. Was nimmst Du davon mit nach Berlin?

Andrea Nahles (17.46 Uhr MEZ): Ja: less is more*! Wir sitzen hier bei einem Experten für „Testing“. Also, einem hochprofessionellen Institut, das herausfindet, warum und warum nicht bestimmte Argumente in der Bevölkerung ankommen. Eine der Regeln: less is more! Je länger ich dem Vortrag zuhöre, desto mehr Punkte fallen mir auf, die wir in unserer Kommunikation noch verbessern können. Nicht nur im Internet! To be continued* ...

* Übersetzung: Weniger ist mehr!; Fortsetzung folgt ...

spd.de (22.02 Uhr MEZ): Eine Fortsetzung zu dem Thema wäre sehr interessant. Welche Argumente überzeugen denn zum Beispiel nicht, laut der Forscher?

Andrea Nahles (22.18 Uhr MEZ): The american voter is short on facts and long on judgment*. Ich rätsele, ob das wohl auch auf die deutschen Wähler zutrifft :-) Die haben hier Telefonschalten mit Kandidaten mit mehreren zehntausend Wählern, wo zwar nur 15 Fragen diskutiert wurden, aber alle Anderen ihre Meinung, Pro oder Contra von Argumenten, zum Ausdruck bringen können. Ich frage mich, ob das so kostengünstig, wie hier in den USA, auch in Deutschland möglich ist, und ob deutsche Wählerinnen und Wähler sowas überhaupt gut finden würden. Ich fliege mit einer Menge solcher Anregungen nach Hause. Nicht alles lässt sich übertragen, aber das war klar. Wir sind jetzt am Flughafen. Ich sage Danke für die gute Organisation an die FES und das Team um Pia Bungarten und an die Deutsche Botschaft! Bis bald! Andrea

* Übersetzung: Der amerikanische Wähler stützt sich auf kurze Fakten und fällt längere Urteile.

Spd.de (22.20 Uhr MEZ): Vielen Dank! Hat Spaß gemacht, Dich per SMS auf Deiner Reise zu begleiten. Hab einen guten ruhigen Flug zurück nach Berlin. Bis bald!